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Original und Fälschung

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Seit April 2008 herrscht an der Hochschule ein Denkverbot. Das verkünden zumindest Schilder an mehreren Eingängen. Und wie bei den zum verwechseln ähnlichen „Rauchverbots-Schildern“ wird auch auf die speziell eingerichteten „Denkerzonen“ verwiesen.

Das zum verwechseln ähnliche Ruach und Denkverbot
Dass ein Mitarbeiter monatelang an einem solchen Schild vorbei ging, ehe er ins Stutzen kam, spricht Bände, dass die Hausmeister noch immer nicht alle Fälschungen entfernt haben auch. „Wir nehmen den Schilderwald einfach hin, aber nehmen ihn nicht mehr wahr“, so der Macher, der lieber anonym bleiben möchte. „Ich wollte mit dieser Aktion sehen, was passiert, die inhaltliche Interpretation ist vielfältig - aber den Betrachtern überlassen.“

In Anbetracht der Bachelor Schmalspur-Studiengänge erscheint aber dieses Denkverbot real zu sein. Können in sechs Semestern noch die im Hochschulrahmen - Gesetz (HRG) festgeschriebenen Aufgaben bewältigt werden?
Hochschulen sollen auf berufliche Tätigkeiten vorbereiten und dazu die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden vermitteln (§2 Abs.1). In Anbetracht gestraffter Studiengänge bleibt jedoch als einzige Methode das Auswendiglernen, und so manche Erkenntnis bleibt auf der Strecke. Hochschulen sollen an der „sozialen Förderung der Studierenden“ mitwirken und den Sport fördern (§2 Abs.4).
Sie sollen „die internationale, insbesondere die europäische Zusammenarbeit“ berücksichtigen (§2 Abs.5), mit anderen Forschungs- und Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten (§2 Abs.6) und vieles mehr.
Später spricht das HRG von der „Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung, Lehre und Studium“ - schöne Worte, die in der Realität verloren gehen. Ein Bachelor - Studiengang lässt keinen Raum zum Nachdenken oder Forschen, es gibt keine Zeit, die von der Wirtschaft geforderten Schlüsselqualifikationen zu entwickeln, soziale Kontakte finden nur noch in der Lerngruppe statt. So gesehen ist der Bachelor ein Denkverbot.

Doch es gibt ja zum Glück nicht nur die Vorlesungen, es gibt Abende, Wochenenden und Semesterferien. Dies ist die Zeit, mal an einer der „Denkerzonen“ vorbeizuschauen!
Doch hier ist Zeit das Schlüsselwort.
Gab es früher den Witz vom Studierenden, der um halb sechs aufsteht, weil um sechs Aldi zu macht; gibt es heute die Realität vom Studierenden, der um halb zehn aufsteht, weil um zehn die Nachtschicht beginnt. Danach geht es direkt in die Vorlesungen, ein paar Stunden schlafen und wieder zur Nachtschicht. Kommen noch Kinder oder zu pflegende Angehörige hinzu, ist sie gänzlich dahin, die Zeit.
Zu wenige beziehen BaföG, die Sätze sind zu gering und Studiengebühren tun ihr übriges. So gesehen ist die fehlende Grundsicherung und die Defi nition von Bildung als Ware ein Denkverbot.

Trotz allem Gesagten: Den Studierenden ganz ohne Zeit mal die Seele baumeln zu lassen, gibt es nicht. Faktisch müssen wir eingestehen, dass immer weniger Studierende an gesellschaftsverändernden Prozessen teilnehmen. Doch diesen Trend merken Vereine, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Parteien allgemein: Wir leben in einer individualisierten Gesellschaft von Einzelkämpfern. Mag es für diese Situation viele soziologische Erklärungen geben, letztlich sind wir da wieder bei unserem Schilderwald angekommen:
Hatten wir Anfang der 80er etwa 2 Millionen Arbeitslose, sind es heute fast doppelt so viele. Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich fast die Zahl der Drogentoten. Viele weitere Zahlen könnten uns den Anstieg von Problemen verdeutlichen. Doch zeitgleich nehmen Informationen durch das Internet zu und wir werden von Werbung zugeschüttet.

Wie den Schilderwald nehmen wir alles hin, aber nichts wahr. Wenn wir nicht wieder unseren Blick schärfen, bedarf es keines Denkverbotes. Wir stellen uns selbst ruhig!

 

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